Der Lack ist ab

16,4 Millionen Riester-Verträge haben die Deutschen abgeschlossen. 35 Milliarden Euro hat der Steuerzahler in 15 Jahren in die staatlich geförderte Altersvorsorge gepumpt. Fast jeden vierten Euro davon strichen die Versicherer ein.

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Als Carsten Maschmeyer noch nicht in der Höhler der Löwen war, sondern Chef des Finanzvertriebs AWD, sah er in der staatlich geförderten Riester-Rente die Verheißung einer goldenen Zukunft. Im Jahr verglich er die frisch grundrenovierte Zusatzvorsorge mit einer Ölquelle: „Sie ist angebohrt, sie ist riesig groß, und sie wird sprudeln.“
15 Jahre, etliche Reformen und zig Milliarden Euro später sprudelt die Quelle immer noch – aber nicht mehr so munter wie von den Anbietern gewünscht. Der Verkauf lahmt, selbst die Vertragsbestände der Versicherer und Fondsgesellschaften schrumpfen. Gemeinsam mit der Bausparlobby dringen die Lobbyisten der Verbände bei der Bundesregierung nun auf die x-te Riester-Reform, um das Geschäft noch einmal anzukurbeln.
Jörg Asmussen, einst Staatssekretär im Finanzministerium, heute Chef des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, fand dafür in der BILD-Zeitung große Worte: Es brauche „eine Riester-Revolution“ – am besten soll gleich auch ein neuer Name her. Die Marke ,Riester-Rente‘ habe ihren Glanz verloren.
 Der Lack ist ab. 16,4 Millionen Riester-Verträge haben die Deutschen abgeschlossen, die meisten davon bei einer Versicherung. Jeder fünfte Vertrag wird Schätzungen der Bürgerbewegung Finanzwende gar nicht mehr bespart und mehr als fünf Millionen Riester-Sparer zahlen so wenig ein, dass sie nicht einmal die volle staatliche Zulage bekommen.
Hauptgrund für die Zurückhaltung dürften die hohen Kosten der Riester-Anbieter sein. Nur reden die Versicherer darüber natürlich nicht gerne. Finanzwende hat die Kosten von 65 Riester-Rentenversicherungen anhand der offiziellen Muster-Produktinformationsblätter verglichen. Danach geht bei einem durchschnittlichen Vertrag fast jeder vierte eingezahlte Euro für die Kosten des Anbieters drauf. 
Für die Altersvorsorge steht dieses Geld nicht mehr zur Verfügung.
 


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Nun stellen die Anbieter geringere Kosten in Aussicht – wieder einmal
Mit einer Wiederbelebung der Riester-Rente, so locken denn auch die Verbände, gebe es „erhebliches Potenzial, um Kosten zu senken“. Dafür sei aber ein enges Zusammenspiel von Anbietern und Staat unverzichtbar. Das klingt, als könne man selber an den hohen Kosten nun wirklich nichts ändern.
Tatsächlich sind die hohen Kosten der Versicherer nicht allein ein Riester-Thema, sondern auch bei anderen Rentenprodukten zu beobachten – zum Beispiel bei Rürup-Policen. Die Branche hat es schlicht versäumt, ihre Hausaufgaben zu machen und die Kostenapparate anzupassen. Insofern kann man die staatlichen Zulagen für Riester-Renten auch als ein subventioniertes Beschäftigungsprogramm für Vertriebler verstehen.
 Zwar können sich Riester-Sparverträge individuell für Kunden mit hohen staatlichen Zulagen – etwa für Geringverdiener oder mit Kindern – lohnen. Effizienter macht das die Produkte aber nicht. Zudem stammen die Zulagen aus Steuergeldern, für die alle Bürger aufkommen müssen.  Allein 2,9 Milliarden Euro an Zulagen wurden 2019 nach vorläufigen Zahlen des Finanzministeriums überwiesen. Seit dem Start der Riester-Rente im Jahr 2002 kommen etwa 35 Milliarden Euro zusammen.
 Viele Sparer schütteln nur noch den Kopf, über das, was sie in ihren Riester-Jahresmitteilungen sehen. Unter der Überschrift „Völlig verriestert“, analysiert Ökonomieprofessor Hartmut Walz Einzelfälle. So hat ein Sparer nach 15 Jahren – die meisten davon ohne Sparbeiträge - rund 2500 Euro Kosten angehäuft, dafür nur knapp 1700 Euro an sicheren Erträgen. Bei vielen Sparern setzt sich die Erkenntnis fest: Unterm Strich, zahle ich! Ob als Riester-Sparer oder als Steuerzahler.
 Dass es auch anders geht, zeigt wieder einmal der Blick nach Skandinavien: Schwedische Bürger haben deutlich mehr auf ihrem Vorsorgekonto als die Deutschen: Bei einer jährlichen Einzahlung von 1200 Euro und einer jeweils unterstellten Wertentwicklung von fünf Prozent haben schwedische Sparer nach 30 Jahren rund 16.600 Euro mehr auf der Kante als ein Riester-Deutscher.