Die Hall of Shame der Produktflops

Für Mittelständler bedeutet die Markteinführung eines neuen Produkts meist ein erhebliches Risiko. Und kommt es zu schmerzhaften Fehlschlägen, finden diese kaum öffentlichen Widerhall. Wenn sich aber die Branchen-Platzhirsche und Global Player einen Fehlgriff leisten, dürfen sie sich über Häme nicht beschweren. Denn nur zu oft wurden dabei Consumerbedürfnisse schlichtweg ignoriert, der gesunde Menschenverstand ehrgeizigen Zielen der Unternehmensführung geopfert. Wie die folgenden Beispiele zeigen:

Fernsehen
Der Betamax von Sony
Technologisch führend, und doch eine Pleite: Der Sony Betamax kam in einer Zeit auf den Markt, als die Leute das Video entdeckten und sich die ersten Heimkino-Programme zusammenstellten. Nur – für welches System sollte man sich in der stürmischen Pionierzeit Mitte der 1970er Jahre entscheiden? Die meisten Hersteller produzierten Abspielgeräte für das VHS-Format, Sony jedoch für den Betamax, dessen Patentrechte der Unterhaltungstechnologiekonzern besaß. Dieser vermochte qualitativ zu überzeugen. Aber als sich notgedrungen alle Wettbewerber im VHS-Lager sammelten, war der Betamax bald Geschichte.

Grüner Tomatenketchup von Heinz
Der Ketchup-Gigant ließ seine Würzsoße auf der Nachhaltigkeitswelle schwappen, wird doch – so das Kalkül des Marketings – vom Verbraucher alles Grüne per se als positiv wahrgenommen. Oder nicht? Nachdem in den USA tatsächlich 25 Millionen schreiend grüne Ketchupflaschen verkauft wurden, sollten auch andere Märkte mit dem Trendketchup versorgt werden. Zwei Anläufe unternahm Heinz in Deutschland. Der zweite blieb bereits in der Shoptest-Phase stecken. Tomatensoße ist nun mal rot. Das weiß sogar jedes Kind, das noch nie eine Tomate gesehen hat!
 
Der Zune von Microsoft
In der Nerd-Sitcom „The Big Bang Theorie“ hat er es als Running-Gang zu spätem Ruhm gebracht: Der Zune als Microsofts Antwort auf den iPod von Apple. Dabei war das Gerät gar nicht mal so schlecht gedacht und überzeugte auch qualitativ. Was es aber dennoch nicht besser und attraktiver als das Original machte. Zu deutlich war erkennbar: MS lief einem Trend hinterher, den ein anderer mit einer wegweisenden, zudem stylishen Technologielösung gesetzt hat. Jahre später ist es fast schon wieder angesagt, sich mit einem auf eBay ergatterten Zune zu zeigen.
 
Der Newton von Apple
Der Fairness halber sei hier auch der Newton genannt, als Apple Anfang der 1990er mit einem PDA das iPad vorwegnahm, dabei aber grandios scheiterte. Auch hier griff mit den „Simpsons“ eine TV-Serie den Produktflop auf und machte ihn zum Lacher. Der Newton war nicht nur seiner Zeit voraus, sondern auch den Geldbeuteln der Kunden: Für stattliche 700 Dollar Einstiegspreis gab es ein acht Zoll großes Gerät, dessen Handschriftenerkennung unterirdisch war. Sage aber keiner, Apple hätte aus seinen Fehlern nicht gelernt! 

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Wow-Chips von Frito-Lay
Der Name war Programm: Wer diese Kartoffelchips mampfte, sollte sich um sein Gewicht keine Sorgen zu machen brauchen. Sie erzeugten die gleiche Genusswirkung wie klassische Fettbomben aus der Tüte, garantierten aber mit ihrer geheimnisvollen Zutat Olestra schlanke Maße und ein gutes Gewissen. Die ganze Welt sprach Ende der 1990er über dieses Ernährungswunder. Fast schien es so, als sei ein dringendes Menschheitsproblem gelöst. Bald stellt sich aber heraus, dass die Olestra-Moleküle wegen ihrer Größe nicht vom Verdauungstrakt verarbeitet werden konnten und ihn ungetastet passierten. Was sie wie ein Abführmittel wirken ließen – mit all den einschlägig bekannten Begleiterscheinungen. Wow!
 
Rauchfreie Zigaretten von RJ Reynolds
Ende des 19. Jahrhunderts wurde etwas erfunden, was bis dahin niemand für möglich hielt: rauchfreies Schießpulver. Im Zuge der vor vierzig Jahren einsetzenden Anti-Zigaretten-Kampagnen hatte sich der Tabakkonzern etwas Ähnliches ausgedacht. Nur nicht auffallen, Raucher! Nachdem RJ Reynolds mehrere hundert Millionen Dollar in die Entwicklung der neuen Geheimwaffe gesteckt hatte, mussten die ersten Käufer enttäuscht feststellen, dass ihre Glimmstängel genauso quarzten wie alle anderen auch. Nach vier Monaten wurden sie vom Markt genommen. Ihr Name? Ist doch nur Schall und Rauch.
 
Die New Coke von Coca Cola und die Crystal Pepsi von Pepsi Cola 
Die Brauseriesen liefern sich traditionell einen Wettbewerb von epischen Ausmaßen. Auch mit ihren Flops haben sie sich nichts geschenkt. Deshalb werden sie hier auch in einem Atemzug behandelt: Als Pepsi Anfang der 1980er seine Challenge-Kampagne startete und nicht nur beim Lifestyle, sondern auch geschmacklich punktete, brachte Coca Cola ein irgendwie mehr nach Pepsi schmeckendes Erfrischungsgetränk heraus, das einen Aufbruch in neue Genusswelten signalisieren sollte. Die aufwändigen Geschmackstests liefen sogar vielversprechend – die Produkteinführung aber war ein volles Desaster. Nach nur wenigen Wochen kehrte Coca Cola wieder zu seiner klassischen Formel zurück. Dagegen quälte Pepsi seine Kunden mit einer farblosen, koffeinfreien Cola. Die optisch an Mineralwasser erinnernde Crystal Pepsi schlug schon 1992 nicht ein – und weil nun mal doppelt besser hält, erst recht nicht 2016 als schräges Retrogetränk.