Einmal bis zum Mond bitte

Corona hat nicht verändert, wie wir arbeiten, leben, wohnen, wie wir uns durch unsere Leben bewegen. Die Pandemie hat diese Veränderungen nur beschleunigt. Unterwegs zu neuen Arbeits- und Lebensformen.

Fernsehen
Der Parkplatz vor dem Gutshof Klein Glien ist übervoll. Früher, als es noch ein Hotel für Hochzeitsgesellschaften war, war der Parkplatz viel zu selten voll.  Bis die Betreiber Pleite waren. Drei Jahre stand es leer, heute parken Berlins Hipster hier in Hagelberg, im Fläming, 100 Kilometer südwestlich von Berlin. Ein olivegrüner Mercedes-Oldtimer, Drive now-Minis, weshare-Golfs. Sie sind aus Berlin gekommen, vor Tagen, manche schon vor Wochen, als Berlin noch kein Corona-Risikogebiet war. Nicht um zu feiern, sondern um hier, im Coconat Workation Retreat in Ruhe zu arbeiten.
 
Coconat steht für Community and Concentrated Work in Nature, Janosch Dietrich betreibt ihn mit Iris und seiner Partnerin Julianne. Sie bieten seit 2016 Arbeitsplätze auf dem Land, 19 Zimmer, gemeinsames Essen, Yoga, Sauna, Massagen und einen Pizzaofen. Janosch Dietrich kann sich jetzt schon kaum retten vor Anfragen. „Wir sind ausgebucht. Im ersten Lockdown ging natürlich gar nichts, aber jetzt wachsen wir mit 30 Prozent. Ein halbe Million Euro erwirtschaftet seine Unternehmung mit der Vermietung und den Nebengeschäften im Jahr. 
 
Die Zahl der Co-Working-Spaces in Deutschland hat sich seit Anfang 2018 auf fast 1300 vervierfacht. „Boten sie bislang vor allem Freiberuflern in den Großstädten Schreibtische an, kann schon bald jeder auch außerhalb der Städte so arbeiten“, sagt  Frederick Fischer, der die Ko-Dorf-Initiative gegründet hat. Und Ulrich Bähr von der Heinrich Böll-Stiftung, Erfinder des CoWorkingLand bastelt an seiner Vision, einem Netzwerk aus Co-Working Spaces auf dem Land, so dass irgendwann niemand mehr als 15 Minuten zu seinem Arbeitsplatz unterwegs sein muss.  Ginge es nach ihm, wäre Coconat in Hagelberg dann nur einer von vielen.

Das Homeoffice wird Corona für viele überleben
Corona hat radikal verändert, wie wir arbeiten, leben, wohnen, einkaufen, wie wir uns durch unsere Leben bewegen. Das Jahr 2020 hat mit unseren Ritualen gebrochen, die Pandemie hat die Art, wie wir uns und unsere Familien organisieren aus den Angeln gehoben. So können sich heute drei von vier Erwerbstätigen vorstellen, auch nach Corona häufiger von zu Hause aus zu arbeiten. Zu diesem Ergebnis kam kürzlich eine Civey-Umfrage für das Spiegel-Magazin. 73 Prozent der Unternehmen, die während des Lockdowns ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt haben, wollen das laut einer Ifo-Umfrage für die Zeitarbeitsfirma Randstadt so beibehalten. Einer Fraunhofer-Studie zufolge würden sogar neun von zehn der befragten Unternehmen künftig Homeoffice stärker als vor Corona anbieten. 
 
Nur, wenn der Arbeitsplatz nicht mehr bestimmt, wo wir wohnen und einkaufen, wie viel Zeit wir im Auto oder in der Bahn verbringen, dann verändert das das soziale Geflecht im Land. Wenn sich das Leben auf das Land verlagert, gerät der Immobilienmarkt ins Wanken, die Preise in den Randlagen explodieren, weil Menschen, die mehr von zu Hause aus arbeiten, mehr Platz brauchen. Die Speckgürtel von Berlin, Köln, Hamburg oder München dürften noch mal an Speck zulegen, denn wer seltener ins Büro muss, ist bereit, weiter zu fahren. Schon prognostiziert das Institut der deutschen Wirtschaft einen Boom des Speckgürtelkranzes der Metropolen. 
 
So wie in Borkwalde in Brandenburg, ganz in der Nähe vom Coconat Workation Retreat. Die kleine Gemeinde zählt zu den am schnellsten wachsenden in Deutschland. Allein 47 Neubauten seien innerhalb von nur einem Jahr entstanden, sagt Bürgermeister Egbert Eska. In Borkwalde gibt es den Quadratmeter kalt noch für acht Euro, aber wie lange noch? Janosch Dietrich zahlt in Hagelberg schon 13 Euro. „So viel wie in Berlin.“ Er sagt: „Corona hat den Trend zur Landlust und zur Stadtflucht auf jeden Fall beschleunigt.“
 
Ablesen lässt sich das selbst an der Warteliste der Kleingarten-Anlage in Berlin Tempelhof. 7.900 Menschen stehen auf der Liste, die Nachfrage nach Schrebergärten ist seit Corona viermal so hoch wie 2019. „Die Menschen haben während des Lockdowns gespürt, wie schön eine Stadt ohne Autos ist“, sagt auch Monika Herrmann, Bürgermeisterin des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Sie hat die Zeit des Lockdowns genutzt, um 13 neue Spielstraßen, 20 Kilometer neue Radwege und eine Klimastraße geschaffen.
 

© iStock-Drazen_Zigic

Mobilität verlagert sich aufs Rad, gemeinsamer Sport ins Internet
Wer in der Stadt wohnt, lässt immer häufiger das Auto stehen. Für Besorgungen und kleinere Transporte mausert sich längst das Lastenrad zu einer echten Alternative. Mit fast 44.000 verkauften Transporträdern dürfte sich der Absatz in diesem Jahr im Vergleich zu 2018 fast verdreifachen. Und befeuert durch die Kaufprämie vom Berliner Senat prägt das Lastenrad längst das Straßenbild der Hauptstadt. Schon gibt es mit dem Shop „Auftragsrad“ erste Läden, die sogar das Auto gegen den Kauf eines neuen Lastenrad-Modells in Zahlung nehmen. Noch dazu in bester Lage: Auf der Friedrichstraße. 
 
Städte und auch die Art, wie wir uns darin fortbewegen werden sich neu erfinden. Oder auch, wie wir Sport treiben. Während Fitnessstudios oder Kletterhallen verzweifelt versuchen, ihre Kunden beisammen zu halten, boomen neue virtuelle Angebote, gemeinsam Sport zu erleben: Cornelia Stahl etwa lief im Oktober seinmal um die Welt, zusammen mit 500 anderen Läufern hatte sie 16 Tage Zeit, die 40.075 Kilometer zu schaffen. Wann und wo sie wie lange läuft, das blieb ihr überlassen. Sie musste sich nur beim Laufen tracken lassen und ihre Kilometer übermitteln. Organisiert hat die „Challenge Runners Edition Weltreise“ die Eventagentur Pepp Team aus Hannover. Geschäftsführer Roland Walbaum hat aus der Corona-Not eine Tugend gemacht: Eigentlich veranstaltet er mit seiner Eventagentur klassische Firmenläufe, kaum eine Branche ist schlimmer betroffen von der Pandemie. Seine Laufevents  organisiert Walbaum jetzt virtuell.  Cornelia Stahl und ihre Mitläufer haben für Startnummer, Handtuch, Medaille und vor allem für das Gefühl, nicht allein unterwegs zu sein, 35 Euro überwiesen. Auf der Webseite des Magazins Runners World findet sich fast jeden Tag ein virtuelles Laufevent. Tendenz steigend. „Wir haben damit viel weniger Stress als mit einem realen Event“, sagt Walbaum. „Und wir erreichen plötzlich ganz andere Leute.“ Bei der Weltreise solle es nicht bleiben, sagt er. „Wir könnten ja auch zum Mond laufen.“